Ludwig Erhard

Ihm wurden Denkmäler gesetzt, es wurden Straßen und Plätze nach ihm benannt, und nicht zuletzt fußt die legändere Wirtschaftskompetenz der Union auf: dem ersten Bundeswirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard.

Ein Ruf, der längst ruiniert ist, aber tüchtig gepflegt wird.

Stichwort Habilitation. Erhard behauptete, auf eine „akademische Laufbahn verzichtet“ haben zu müssen und seine Professorentätigkeit nicht ausüben zu dürfen, weil er kein Nazi gewesen sei.

Eine Frechheit, bedenkt man, wer von den Nazis mit Berufsverboten überzogen wurde.

Wahr war: Erhards Habilitation scheiterte nicht wegen, sondern trotz des nationalsozialistischen Regimes. Er füllte 141 Seiten so substanzlos, dass er selbst auf eine Einreichung verzichtete, was Nürnbergs NSDAP-Bürgermeister Eickemeyer nicht davon abhielt, ihn ehrenhalber ernennen zu wollen. Das Machwerk wurde eingereicht, woraufhin die Hochschule Ludwig Erhard die Inhaltsleere auch noch attestierte.

Genug pseudowissenschaftliche Betätigungsfelder ergaben sich Ludwig Erhard, als Nazideutschland im Zuge der Annexion jenseits der „Grenzen von 1937“. Durch seinen Arbeitgeber beauftragt wirtschaftswissenschaftlichen Studien über Österreich, das „Sudetenland“, das „Protektorat Böhmen und Mähren“, Lothringen oder das „Warthegau“ zu erstellen, lieferte er.

Als später dann wesentlich unappetitlichere Themen dazu kamen, wie etwa die „Verwertung des volksfeindlichen Vermögens“ (vulgo für „Jüdische Vermächtnisse“, ein Thema, dass die Union bis heute begleitet, und Raubgut entmachteter Politiker) und zur „Problematik der kommissarischen Verwalter“ (nationalsozialistische Statthalter enteigneter Unternehmer) weist die Biographie in seiner offizielle Lesart ganz bescheiden aus, er habe „in Lothringen nur die Glasindustrie untersucht“ – und nicht die aggressive Annexion und staatlichen Eigentums wirtschaftlich untersucht, wohlgemerkt zum eigenen wirtschaftlichen Nutzen.

Selbst als im Polenfeldzug, dem er persönlich hinterher reiste, bei dem zigtausend Menschen ermordet wurden, um die tragenden gesellschaftlichen Strukturen zu zerschlagen, fand er dafür eine Umschreibung, mit der er führenden Nationalsozialisten in nichts nachstand, und nannte den Massenmord „Evakuierung der sogenannten polnischen Intelligenz“. Schreibt so ein überzeugter Antifaschist?

Wes Geistes Kind er im völkischen Sinne war, liest sich aus seiner Einschätzung der Eingeborenen interpretationsfrei heraus:

„Der polnische Arbeiter hat sich ja als willig und fleißig erwiesen, wenn auch seine Leistung nicht an reichsdeutschen Maßstäben zu messen ist. Dies ist der Ausfluss mangelnder Erziehung und rassisch bedingter Eigenschaften. (…) Das polnische Volk hat weder die Gestaltungskraft noch den Gestaltungswillen, die es zu so wahrhaft kultureller Leistung befähigt. “

Ludwig Erhards Expertise, aus erster Hand, als Mitreisender im Tross des Polenfeldzug

Diese und andere Einlassungen blieben nicht unbeachtet.

„Für Ihre erfolgreiche Arbeit spreche ich Ihnen meine ganze besondere Anerkennung und meinen Dank aus.“

Hermann Göring, seines Zeichens „Führer der deutschen Wirtschaft und das Reichswirtschaftsministerium“, de facto also Ludwig Erhards Vorgänger im Amt, dankte so für dessen Einsatz

Hermann Göring ließ Ludwig Erhard seine persönliche Anerkennung zuteilwerden lassen. Das muss man erstmal hinkriegen, und damit meine ich, sich nur wenige Jahre später als Opfer des Systems aufzuspielen.

1943 verlieh der „Führer“ Ludwig Erhard sogar noch das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse für seinen Einsatz. Zu dem Zeitpunkt begleitete Ludwig Erhard das Regime bereits seit sechs Jahren.

Die so gewonnene Expertise konnte Ludwig Erhard nicht nur im Nationalsozialismus sehr lohnend in bare Münze zu verwandeln, sondern ganz reibungslos in neue Kernkompetenz umwandeln: Die Konservativen gewannen die erste Bundestagswahl und die Wirtschaft nahm zaghaft Fahrt auf – mit Zigarrenqualm über dem Zugpferd Ludwig Erhard voran.

Fortan galt die Union als Experte in allen wirtschaftlichen Aspekten, was Partei und Politiker in den Schoß fiel wie Helmut Kohl die Einheit. Ludwig Erhard machte es in Nachkriegsdeutschland so berühmt, dass er Bundeskanzler werden konnte. Der Union, „Seit 1945.“ brachte es die Zuschreibung als wirtschaftskompetenteste Partei ein – all das basierend auf völkischer Ideologie, ersonnen im Auftrag und auf Rechnung der Nationalsozialisten.

Bestens überliefert ist auch die Legendenbildung, mit der sich Ludwig Erhard vom völkischen Kriegsgewinnler zum unpolitischen Wirtschaftsweisen wandeln wollte.

Einer Selbstinszenierung, in der sich Ludwig Erhard zum Opfer des Systems, dem er aber selbst zuarbeitete: Einer angeblichen Aufforderung zum Beitritt zur „Deutschen Arbeitsfront“ ließ er seine Kündigung ausgerechnet zu dem Zeitpunkt folgen, als er sich einen Ruf erarbeitet hatte, nur um wenig später unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Dank seiner erhaltenen Personalakte beim ehemaligen Arbeitgeber weiß man: Die Anwerbung und also seine angebliche Opposition dagegen hat nie stattgefunden. Nicht annähernd. Er erfand das, um seine Betätigung fortan auf eigene Rechnung wesentlich lukrativer bewerkstelligen zu könne.

Gegenüber anderen Staatsoberhäuptern stilisierte sich Ludwig Erhard beinah zum Antifaschisten, indem er angab während des Dritten Reichs „verfemt und geächtet“ gewesen zu sein.

Merkwürdig. Historisch belegt ist doch etwa Ludwig Erhards Planung der Nachkriegszeit ab 1943, Überlegungen im Auftrag und unter Anerkennung Adolf Hitlers, aus denen schließlich das hervorging, was wir heute Soziale Marktwirtschaft nennen.

Aber klingt, agiert und paktiert so ein Verfolgter des Naziregimes?

Weiterführende Lektüre:
Anmerkungen zu Ludwig Erhard von Nürnberger Antifaschisten.

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