Linksextremometer

Oft zitiert wurde vergangene Woche eine Studie zum linken, linksradikalen und linksextremen Spektrum vor. Darin stellten zwei Wissenschaftler unterschiedliche Fragen, deren Beantwortung als Position verstanden eine Zurechnung zu einem der Lager der politischen Linke zulassen soll. »Wie linksextrem bist du?« stellt ein Indikatorsystem in Fragebogenform vor. Fünf Minuten und man kann sich selbst einstufen. Es fehlt höchstens noch die Durchwahl zum Aussteigerprogramm Linksextremismus unterhalb. Natürlich zeigt die verkürzte Darstellung nur: Das dies Phänomen immer noch nicht verstanden wurde. Natürlich ist es die Gesellschaft, die Linke und Rechte erst generiert. Die garniert die Ränder nach ihrem Gutdünken. Und die Linke ist leider auch ein Phänomen, das in Teilen eben nicht nur gegen Rechts agiert, sondern auch gegen das System und die Gesellschaft. Aus der verschwindend geringen Szene aber auf den übrigen Teil zu schließen zeugt nur von Unkenntnis, Unwillen Realität zu akzeptieren oder im schlimmsten Fall von bewusst herbeigeführten Untersuchungsergebnissen. Die Fragestellungen lassen auf Letzteres deuten. Es sind die selben Denkschemata, die die Extremismustheoretiker Jesse und Carmen Everts sowie deren bekannteste Anhängerin Kristina Schröder nachhängen. Dumpfe Denkmuster zur Beschreibung einer immer feingliedriger ausdifferenzierter Gesellschaft, kurzum: Diese Unrat wird von Lesern der BILT und Wählern Union gerade noch verstanden, aber bringt die Gesellschaft nicht voran.

Habe im Beitrag noch einen Kommentar hinterlassen, der meine Wut über diese konservativen „Wutbürger“ in der „Mitte“ zum Ausdruck bringen sollte:

Habe den Fragebogen einem Freund von der Jungen Union zukommen lassen. Seinen ehrlichen Antworten zufolge sei er Linksradikal, meinte er daraufhin. Allerdings haben wir festgestellt, das sich die Antworten aus der Situation heraus ergeben, in der die Fragen gestellt werden. Wenn jemand gerade von rechtsextremen Gewaltverbrechen gelesen hat, die von einem Demonstrationszug in der Kölner Innenstadt ausgingen, neigt er natürlich dazu, Rechtsextremen die Rechte zu verweigern, die die mit dem System an sich abschaffen wollen. Wenn jemand von drei-vier Überfällen auf Asylbewerberheime am Tag liest, ist er eher geneigt, radikalere Vorschläge zu übernehmen, um Menschen aus der Fremde zu schützen. Ist gerade eine Mosche oder Synagoge geschändet worden, soll man mir die links der Mitte zeigen, die sich nicht dazu hingerissen fühlen die Parteizentralen der Partei DVU, der NPD, Republikaner, Die Rechte, AfD zu stürmen und das Inventar zu verwüsten – und schon ist man bei der Frage “Gewalt gegen Sachen” auf der selben Höhe mit Rechtsextremen.
Und genau da liegt die Crux: Wie damals, als die konservative Mitte der Gesellschaft die Füße still hielt, weil sie sich nicht Links oder Rechts zugerechnet sah, hält sie sich jetzt wieder zurück, wenn es darum geht genau die Gewaltverbrechen der Rechten zu brandmarken. Kaum eine Demonstration gegen Rechts kommt auf nennenswerte Teilnehmerzahlen. Jedenfalls für eine Demokratie mit so finsterer Geschichte.
Mehr noch werden diejenigen, die sich trotzdem auf die Straße trauen, die sich in der tagtäglichen antifaschistischen Arbeit in Lebensgefahr begeben, auf Augenhöhe mit Neonazis und ihren Taten gestellt.
Und überdies tun die Konservativen nehmen die Konservativen noch einen ähnlichen vergleichenden Umweg: Sie vergleichen die Verbrechen des Nationalsozialismus mit den Millionen Opfern von Stalin, relativieren ihre eigene (Mit-)Schuld.

Das sind die selben Reflexe der Krise Anfang bis Mitte des letzten Jahrtausend. Nur die Generation ist eine andere.

Q: Udo

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