Bornhagen und die Bombe, oder: Ist „M_Huhn“ Björn Höcke?

Mitte Dezember 2016 erfuhr die Wikipedia-Seite zu Bornhagen, Wohnort von Björn Höcke, Geschichtslehrer a.D., zwei kleine aber wesentliche Änderungen:

  • »Zwischen Kirche und Burgmauer fiel 1945 eine Bombe. (Im viel später abgerissenen Haus auf der Burgmauer befanden sich mechanische Rechenmaschinen des ISCO-Konstrukteurs, bis das Dorf kampflos von US-amerikanischen Soldaten besetzt wurde. Ausnahmsweise waren die Göttinger nicht ausgebombt worden.) In der Burg hatte die Wehrmacht Skier eingelagert.«
  • Da das Dorf der SED viel zu nah an der Zonen-Grenze lag, mussten zu DDR-Zeiten viele Bürger wegziehen.

Der Verfasser ist lt. Selbstauskunft »Historiker und Theologe«, mehr erfährt man nicht. Für ein zunächst knapp 400 Einwohner zählendes Dorf ist eine eigene Wikipedia-Seite schon etwas Besonderes. Besonderer ist nur das sich auch noch ein »Historiker« findet, der Zeit genug findet, sich um die jüngere Geschichtsschreibung des Dorfes bemüht. Bornhagen hat Glück, könnte man meinen. Nach dem Unglück mit der Bombe an der Stadtmauer insbesondere. Und dem der geographischen Nähe zum Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze (oder Volksmund »Mauer«) andererseits.

  • Das Dorf und Burg ziemlich nah zusammen liegen1 hat der bemühte Historiker sicherlich nur versehentlich vergessen zu erwähnen.
  • Vernachlässigt man die Einfügung in der Klammer, besteht der erste Punkt der Aufzählung der jüngeren deutschen Geschichte aus den folgenden beiden Sätzen: »Zwischen Kirche und Burgmauer fiel 1945 eine Bombe. (…) In der Burg hatte die Wehrmacht Skier eingelagert.« Hierdurch wird der Eindruck erweckt, die alliierten Bomber hatten es auf die Skier der Wehrmacht abgesehen. Das wäre zwar auch ein lohnenswertes Ziel gewesen, schließlich wäre damit die Mobilität der Einheiten in diesem deutschen Mittelgebirge eingeschränkt worden, und das zu einer Zeit in der die Alliierten auf dem Landweg ins nahe Kassel durchstießen. Allerdings könnte beim nicht ortskundigen Leser der Eindruck entstehen, die Bomberpiloten hätten in dem Dorf mit Kirche und Burg ziemlich zivile Ziele anvisiert, schließlich steht so was üblicherweise mitten im Ort.
  • Das Dorf und Burg ziemlich weit von Besiedlungen liegen, jedenfalls gemessen an der Treffgenauigkeit der damaligen Bomber/piloten, kann man jedenfalls auf dem Kartenmaterial auch ganz gut erkennen. Es stellt sich also die Frage, was der Verfasser damit beabsichtigt, wenn er in den Raum stellt, das die Bombenlast zwischen Burgmauer und Kirche, also jenseits der Burganlage zu Fall kam. Ferner vermeidet der Verfasser zu erwähnen, ob die Bombe detonierte.
  • Wendet man sich nun der Einfügung inmitten dieses ohnehin schon bizarren Vorwurfs zu, liest man also besagte Klammern für sich, kommt man auf neue, implizite Vorwürfe, nämlich
    1. das die US-Army das Dorf besetzt und die Burg geplündert habe (»Im viel später abgerissenen Haus auf der Burgmauer befanden sich mechanische Rechenmaschinen des ISCO-Konstrukteurs, bis das Dorf kampflos von US-amerikanischen Soldaten besetzt wurde.«), und
    2. das dies Dorf völlig willkürlich anvisiert und
    3. »Ausnahmsweise waren die Göttinger nicht ausgebombt worden« sei.

    Alle drei Behauptungen sind vollkommener Unsinn:

    1. haben die US-Streitkräfte auf ihrem Siegeszug bisweilen auch kleinere Ortschaften besetzt, aber nie strategisch irrelevanten Dörfer,
    2. desweiteren ist die Formulierung so ausgelegt, das zwar der Anschein erweckt wird und sich geradezu aufdrängt, das hier geplündert worden sei, die Behauptung wird aber letztlich vermieden, vermutlich um dem Vorwurf zu entgehen, das man Wikipedia mit nicht belastbaren Aussagen flute,
    3. steht ob Göttingen, Kassel oder London ausgebombt wurde gar nicht in Zusammenhang mit dem Artikel, diesem Abschnitt oder dem Absatz, und wenn dann nur anhand der Tatsache das 1945 eine Bombe fiel, und diese Gemeinsamkeit ist für das Jahr nun keine Besonderheit, schon gar keine erwähnenswerte – wohl aber die Formulierung das Göttingen »ausnahmsweise« »nicht ausgebombt« wurde. Hierdurch entsteht der Eindruck, das habe regelmäßig stattgefunden. Tatsächlich hat die Stadt mit ihren zahlreichen militärischen Einrichtungen vergleichsweise wenige, nämlich lediglich acht Luftangriffe erlebt, und dabei so wenige Todesopfer zu beklagen gehabt wie kaum eine andere Stadt.

Es stellt sich also die Frage, warum für das Dorf, das zum Wohnort von Björn Höcke wurde, einem Dorf mit ein paar hundert Einwohner, vor knapp einem Monat ein Beitrag eines weitgehend anonym auftretenden »Historikers« in Wikipedia Niederschlag fand, indem plötzlich der zweite Weltkrieg und Bombardierungen eine so große Rolle spielt, vor allem da sich die zehn Jahre bis dahin kein Bezug auf den Zweiten Weltkrieg darin fand.

Und weiterhin stellt sich die Frage, ob der Herr Historiker eine Suchmaschine bedienen kann. Denn dann wäre er auf die folgende Ursache dieses kleinen Dorfes schließen können: In einem Erlebnisbericht von Adam Diegler, Altenbaunaer Bürgermeister i. R., der als Interview aufgezeigt und unter dem Titel „Als die Amerikaner Altenbauna besetzten“ veröffentlicht wurde², liest man: »Außerdem befand sich eine Flakstellung im Bornhagen vor dem Baunsberg.« (Q: pz5pantzer, auf panzer-archiv.de)

Vielleicht ist der Geschichtslehrer a.D. Björn Höcke ja auch der „Historiker“ „M_Huhn“ auf Wikipadia, und als solcher Verfasser dieser wirren Einlassung über dessen neuen Wohnort; mutmaßlich von ihm verfassten Texte eines gewissen „Landolf Ladig“ legen den Verdacht jedenfalls nah, das Björn Höcke sich des ein oder anderen Pseudonyms bedient. Und obwohl „M_Huhn“ sonst tagtäglich viele dutzende Artikel bearbeitet, wenngleich auch teils nur in Punkto Interpunktion, so herrscht ausgerechnet am Tag seiner nunmehr bundesweit bekannten Rede vom 17. Januar 2017 um 17 Uhr fast Funkstille auf dessen Account bei Wikipedia.

  1. Google Maps/Streetview []

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